Sinkende Seroprävalenz von Herpes-simplex-Antikörpern bei Frauen im gebärfähigen Alter und Bedeutung für die Geburtshilfe


Genitale Infektionen mit Herpes-simplex-Virus (HSV) Typ 1 und 2 gehören zu den am häufigsten durch Geschlechtsverkehr übertragenen Erkrankungen. Zwar ist HSV-1 insbesondere für den orofazialen Herpes verantwortlich, wird aber zunehmend neben HSV-2 auch bei genitalen Infektionen nachgewiesen (mindestens 50 % aller genitalen Primärinfektionen).

DR. MED. ANTJE-BEATE MOLZ

In der Geburtshilfe ist dieser Erreger von Bedeutung, da es zur Übertragung von der Mutter auf das Kind kommen kann, wobei neonatale HSV-2-Infektionen überwiegen sollen.

1. Eine transplazentare Übertragung in den ersten 20 Schwangerschaftswochen ist sehr selten und kommt vermutlich bei Primärinfektion der Schwangeren mit HSV vor. Es gibt jedoch nur Einzelfallberichte, eine gesicherte Datenlage existiert nicht.

2. Peripartale Infektionen während der Geburt durch direkten Kontakt mit mütterlichem virushaltigem Sekret sind am häufigsten. Die Prävalenz wird in den USA auf etwa 5–31:100.000 Lebendgeborene geschätzt.

3. Zunehmend dürften auch postnatale Infektionen eine Rolle spielen, wenn Neugeborene von seronegativen Müttern (fehlende schützende mütterliche HSVIgG- Antikörper) Kontakt mit z. B. an Lippenherpes erkrankten Personen haben.

KLINIK DES GENITALEN HERPES

Neben den häufig asymptomatischen Infektionen kommen leichte bis schwere Verläufe vor, wobei klinisch nicht zwischen HSV-1 und -2 unterschieden werden kann. Genitale Infektionen mit HSV-1 verlaufen meist milder als Infektionen mit HSV-2 und neigen weniger zu Rezidiven. Infektionen in der Schwangerschaft verlaufen im Allgemeinen schwerer als Infektionen bei Nichtschwangeren. Insbesondere die Primärinfektion führt zu Blasen und Ulzera im äußeren Genitalbereich und an der Zervix zum Teil mit Dr. med . Antje-Beate Molz Lymphadenopathie, Fieber und Kopfschmerz. Schon vorhandene HSV-1-Antikörper können die Symptome einer später erworbenen HSV-2-Infektion abmildern. Symptomatische Rezidive ähneln der Primärinfektion, verlaufen aber meist milder.

INFEKTIONEN IN DER SCHWANGERSCHAFT UND GEFAHR EINES NEONATALEN HERPES

Für das Neugeborene besonders gefährlich sind primäre HSV-Infektionen der Mutter in der Spätschwangerschaft. Neonatale Infektionen sind aber auch bei endogener Reaktivierung der Mutter zum Zeitpunkt der Geburt möglich, die in ca. 75 % der Fälle asymptomatisch verläuft und nur zu 1–5 % eine neonatale Infektion verursacht. Durch in diesem Fall partiell schützende mütterliche HSV-IgG-Antikörper und eine geringere Virusausscheidung sind die Verläufe beim Neugeborenen in der Regel milder. Der neonatale Herpes kann sehr unterschiedlich verlaufen mit auf die Haut und Schleimhaut begrenzten Effloreszenzen bis hin zu generalisierten septischen Verläufen mit HSV-Enzephalitis und hoher Letalität.

THERAPIE UND PRÄVENTION

Eine generelle Testung Schwangerer auf HSV-Antikörper wird nicht empfohlen. Mit Beginn der Schwangerschaft sollte die werdende Mutter aber bezüglich bekannter Herpesinfektionen bei sich und dem Partner befragt werden. Ergibt sich der Hinweis auf eine bestehende genitale Infektion, sollte ggf. sie und/oder ihr Partner auf HSV-Antikörper untersucht und mittels PCR der Virustyp festgestellt werden. Ist bei der Frau bisher kein Herpes aufgetreten bzw. ist sie seronegativ, beim Partner hingegen ein Herpes bekannt, sollten geeignete Hygienemaßnahmen zur Vermeidung einer primären HSV-Infektion während der Schwangerschaft und auch zum Schutz des Neugeborenen postpartum besprochen werden.

Das Standardmedikament zur Therapie eines Herpes genitalis ist Aciclovir (alternativ Valaciclovir oder Famciclovir). Alle drei Medikamente sind in der Schwangerschaft nicht zugelassen und werden off-label eingesetzt. Eine Gabe vor der 14. Schwangerschaftswoche sollte vermieden werden.

Eine antivirale Therapie des Herpes genitalis in der Schwangerschaft wird in verschiedenen Situationen empfohlen, wie z. B. bei starken Schmerzen, schwerem klinischen Verlauf oder auch ab der 36. SSW bis zur Entbindung zur Prävention des neonatalen Herpes. Kurz vor Geburt können vulvovaginale Abstriche für die HSV-PCR entnommen werden, um im negativen Fall einen unnötigen Kaiserschnitt zu vermeiden.

Bei Schwangeren mit genitalen Herpesläsionen und/oder positivem Virusnachweis mit Verdacht primäre HSV-Infektion zum Entbindungstermin, sollte eine Sectio spätestens 4 bis 6 Stunden nach Blasensprung erwogen werden. Handelt es sich um einen bekannten rezidivierenden Herpes genitalis, ist ggf. eine vaginale Entbindung unter Gabe von Aciclovir möglich.

Das Neugeborene sollte mittels PCR auf HSV getestet werden, wenn bei der Mutter ein manifester Herpes bestand bzw. eine Virusausscheidung diagnostiziert wurde. Es werden Abstriche aus Oropharynx, Konjunktiven und von der Haut empfohlen. Symptomatische Neugeborene werden unverzüglich unabhängig von den Laborergebnissen antiviral therapiert.

Neugeborene von seronegativen Müttern bzw. Müttern, die anamnestisch bisher keine Herpes-Infektion hatten, sollten vor Herpes-Ulzerationen (z. B. Herpes labialis des Vaters) geschützt werden (Abdecken der Effloreszenzen, Desinfektion der Hände etc.).

SINKENDE SEROPRÄVALENZ

Nach Abbau mütterlicher Leihantikörper im ersten Lebensjahr kommt es vermehrt zu primären HSV-1-Infektionen (asymptomatisch oder als Gingivostomatitis herpetica) und die Seroprävalenz steigt mit dem Alter allmählich an. Da HSV-2 überwiegend sexuell übertragen wird, steigt die Durchseuchung hier erst nach der Pubertät.

Eine Studie aus Deutschland zeigte für 1997–1999 versus 2008–2011 eine Abnahme der Seroprävalenz für HSV-1 von 82 % auf 78 % und für HSV-2 von 13,3 % auf 9,6 %. Wir haben deshalb unsere Labordaten bezüglich des HSV-IgG–Immunassays bei Frauen im gebärfähigen Alter (16–45 Jahre) für die Jahre 2007 (n=287) und 2017 (n=488) ausgewertet, wobei Antikörper gegen HSV-1 und HSV-2 nicht getrennt bestimmt worden waren. Hier zeigte sich eine vergleichbare signifikante Abnahme der Seroprävalenz: 2007 waren in 80 % der untersuchten Seren HSV-Antikörper nachweisbar, 2017 nur in 72 %. Dies bedeutet eine zunehmende Empfänglichkeit von Schwangeren und Neugeborenen für Primärinfektionen mit HSV-1 und auch HSV-2! Die Gefahr von schweren neonatalen HSV-Infektionen (perinatal aber auch postnatal) wird dadurch ansteigen und zukünftig präventiv mehr Berücksichtigung finden müssen.