Vibrionen-Infektionen aus der Ost- und Nordsee

 

Neben dem bekanntesten Vertreter der Vibrionen, dem Auslöser der Cholera Vibrio cholerae O1/O139, gibt es Vertreter dieser Spezies, die weltweit Bestandteil der normalen marinen Flora sein können. Zu diesen „Nicht-Cholera-Vibrionen“ zählen Vibrio vulnificus, Vibrio alginolyticus, Vibrio cholerae non-O1/non-O139, Vibrio parahaemolyticus und andere. Es handelt sich um gram-negative, polar begeißelte Stäbchenbakterien, die sich in Gewässern bei einem Salzgehalt von 0,5-2,5% und Wassertemperaturen von >20°C ideal vermehren können. Diese Verhältnisse können in den warmen Sommermonaten in Abschnitten der Ost- und Nordseeküste vorkommen. Aber auch in Flussmündungen und Binnengewässern finden Nicht-Cholera-Vibrionen gelegentlich optimale Vermehrungsbedingungen. Dabei besteht kein direkter Zusammenhang mit einer Fäkalienverunreinigung im Wasser. Vielmehr sind die durch den Klimawandel verursachten steigenden Wassertemperaturen für die erhöhten Nachweise von Nicht-Cholera-Vibrionen im Rahmen der Badegewässerüberwachung der Gesundheitsämter verantwortlich.

 

Die hervorgerufenen Infektionen sind neben Gastroenteritiden, die durch den Verzehr von rohen oder unzureichend gegarten Meeresfrüchten ausgelöst werden, vor allem Wund- und Ohrinfektionen nach dem Baden in kontaminierten Gewässern. Als Eintrittspforte für Wundinfektionen dienen Vorschädigungen der Haut oder unbemerkte Mikroläsionen. Eine Übertragung von Mensch-zu-Mensch ist bisher nicht beschrieben worden. Die Schwere der Erkrankung reicht von leichten Infektionen bis hin zu foudroyanten Verläufen mit Sepsis und Todesfolge, vor allem (aber nicht ausschließlich) bei vulnerablen Patienten mit Vorerkrankungen und geschwächtem Immunsystem. Die Inkubationszeit von 4-96 Stunden ist kurz, so dass viele Patienten bereits am Urlaubsort erkranken und behandelt werden müssen. Es ist zu vermuten, dass bislang nur schwere Verläufe zur Kenntnis gelangen und von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Seit dem 01.03.2020 besteht daher eine namentliche Labormeldepflicht für alle Infektionen durch Vibrio spp. nach dem Infektionsschutzgesetz. Bei Ohrinfektionen ist nur der Nachweis von Vibrio cholerae meldepflichtig.

 

Aufgrund des möglichen schweren Verlaufes sollte bei anamnestischem Verdacht und vorliegenden Risikofaktoren frühzeitig eine empirische Antibiotikatherapie und ggf. chirurgische Intervention eingeleitet werden. Diagnostische Proben (Wundabstrich, Blutkultur oder Stuhlproben) sollten vor Initiierung der Antibiose entnommen werden und der Verdacht auf Vibrionen sollte dem Labor mitgeteilt werden. Als geeignete Antibiotika zur Initialtherapie gelten Cephalosporine, Doxycyclin, Fluorchinolone und ggf. Cotrimoxazol. Bei schwerem Verlauf ist die Kombination von Ceftriaxon und Doxycyclin empfohlen. Eine Anpassung der Antibiose nach Antibiogramm kann erforderlich werden, da Antibiotika-Resistenzen vorkommen können.

 

 

Quellen:

Robert-Koch-Institut: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/V/Vibrionen/Vibrionen.html

S2k-Leitlinie: Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen. Update 2018

European Centre of Disease Prevention and Control: ECDC Vibrio Map Viewer: https://e3geoportal.ecdc.europa.eu/sitepages/vibrio%20map%20viewer.aspx