Polyurie

Als Polyurie bezeichnet man die Überschreitung der altersüblichen physiologischen Urinmenge auf mehr als 1.500 ml pro m2 Körperoberfläche täglich (mehr als drei Liter bei Erwachsenen, mehr als zwei Liter bei Kindern), häufig verbunden mit Polydipsie.

MAHMOUD DBASE

Eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr ist die häufigste Ursache für eine erhöhte Urinausscheidung und erfordert in der Regel keine Behandlung. Auch einige Medikamente wie Diuretika (Wassertabletten) sowie der Konsum von Koffein und Alkohol können zu einer vermehrten Urinproduktion führen. Übermäßiges Trinken kann jedoch auch im Rahmen von psychiatrischen Erkrankungen (z. B. bei Zwangsstörungen) auftreten. Weitere Ursachen können sein:

1. Zentraler Diabetes insipidus

Ausfall oder Mangel der ADH-Produktion:
⁃ Idiopathisch (ca. ein Drittel der Fälle).
⁃ Sekundär, z. B. durch Tumoren der Hypophyse oder der Umgebung, Trauma (insbesondere der Schädelbasisfraktur), Hypoxie, Medikamente (Phenytoin). Dadurch ist die ADH-abhängige Harnkonzentrierung in den distalen Nierentubuli und Sammelrohren nicht möglich und es kommt zur vermehrten Ausscheidung eines verdünnten Urins.

2. Renaler (nephrogener) Diabetes insipidus

Ausfall der ADH-Wirkung u. a.:
⁃ Angeboren (selten)
⁃ Erworben bei Nierenerkrankungen mit tubulären Schädigungen
⁃ Durch Infiltrationen mit Amyloid
⁃ Infektionen wie Pyelonephritis

3. Primäre Polydipsie

4. Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2

Im Anfangsstadium eines unbehandelten Diabetes mellitus treten oft Durst und Abgeschlagenheit sowie häufiger Harndrang auf. Die Polyurie entsteht durch einen erhöhten Zuckergehalt des Urins, der Wasser nach sich zieht. Findet bereits eine Behandlung statt, kann die häufige Blasenentleerung ein Hinweis darauf sein, dass die Krankheit schlecht eingestellt und der Blutzuckerwert zu hoch ist.

5. Polyurisches Nierenversagen

Die Nieren verlieren allmählich ihre Fähigkeit, den Urin zu konzentrieren.

Labordiagnostik

1. Blutbild
2. CRP
3. Nierenfunktion (Kreatinin und GFR)
4. Elektrolyte
5. Glukose, HbA1c
6. Urinosmolalität (24-Stunden Sammelurin)
7. Durstversuch: Wasserentzug mit Gabe von Desmopressin zur Überprüfung der renalen Konzentrierungsfunktion
⁃ Gesunde: Anstieg der Urin-Osmolalität, Desmopressin zeigt keine weitere Wirkung
⁃ Zentraler Diabetes insipidus: Anstieg der Urin-Osmolalität erst nach Gabe von Desmopressin
⁃ Renaler Diabetes insipidus: Ausbleiben des Anstiegs der Urin-Osmolalität
8. Copeptin: als stabiles Prohormon des ADH nach nächtlicher Durstphase bzw. als Funktionstestung (siehe Laborinfo 185)

 

 

 


Literatur:

  1. Wolke H. Polyurie. Dtsch Med Wochenschr 2022; 147: 1148–1150
  2. Fenske W et al. SIADH & Diabetes insipidus: Neues zu Diagnosestellung und Therapie. Dtsch Med Wochenschr 2022; 147: 1096–1103