Biomarker beim Ovarialkarzinom

Das Ovarialkarzinom hat eine niedrige Inzidenz, ist aber nach dem Mammakarzinom die am häufigsten tödlich verlaufende gynäkologische Krebserkrankung.1 Im Jahr 2018 verstarben daran laut den Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts 5.326 Frauen und es gab 7.300 Neuerkrankungen.

BIRGIT HOLLENHORST

Der Eierstockkrebs wird meist spät diagnostiziert (76 % im Stadium III/IV).3 Die Symptomatik ist oft unspezifisch (wie Völlegefühl, Blähungen, unklare abdominelle Schmerzen oder Beschwerden und Zunahme der Miktionsfrequenz). Wenn diese Symptome wiederholt und anhaltend sowie kombiniert auftreten, insbesondere bei Frauen über 50 Jahren, sollten weitergehende Untersuchungen eingeleitet werden.1

Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren, aber z. B. Keimzelltumore können bereits bei Kindern und jungen Frauen auftreten (ca. 2 % der Ovarialkarzinome). Die relative 5-Jahres-Überlebensrate im Jahr 2018 lag bei 42 % (die relative 10-Jahres-Überlebensrate bei 33 %). Wurde die Erkrankung im Stadium I oder II diagnostiziert, lag die relative 5-Jahres-Überlebensrate bei 88 % bzw. 79 %. Dabei haben die Erkrankungs- und Sterberaten beim Ovarialkarzinom in Deutschland in den letzten 20 Jahren kontinuierlich abgenommen.3

2206 Pic 03Bei Verdacht auf eine Raumforderung im kleinen Becken und Anforderung des Tumormarkers CA 125 muss bedacht werden, dass CA 125 auch während der Menstruation gelegentlich leicht erhöht sein kann. Auch bei einem Teil der Schwangeren und bei vielen benignen Erkrankungen wie z. B. Endometriose, Adnexitis, entzündlichen Beckenerkrankungen, Cholelithiasis, Cholezystitis, Lebererkrankungen, Niereninsuffizienz, Aszites, Pleura- und Perikarderguss kommen Erhöhungen des CA 125 vor.2,4 Daher sollte CA 125 zusammen mit dem Tumormarker HE4 (Humanes Epididymis Protein 4) angefordert werden mit der möglichen Berechnung des ROMA-Index (Risk of Ovarian Malignancy Algorithm, differenziert nach dem prä- oder postmenopausalen Status der Frau).

Bei Frauen mit sonografisch suspektem Befund einer Raumforderung im Becken gibt der ROMA-Index eine prognostische Wahrscheinlichkeit für die Entdeckung eines epithelialen Ovarialkarzinoms bei einem chirurgischen Eingriff an und teilt die Frauen in eine Niedrigrisiko- und Hochrisikogruppe (> ROMA-Grenzwert) für das Auffinden eines epithelialen Ovarialkarzinoms ein.

Die im Labor 28 verwendeten ROMA-Entscheidungsgrenzen wurden aufgrund eines großen Studienkollektivs so gewählt, dass eine Spezifität von 75 % erreicht wird. Darunter ergibt sich eine Sensitivität von 84 % für die Einteilung der Frauen mit malignem epithelialen Ovarialkarzinom Stadien I–IV in die Hochrisikogruppe, 75,6 % der Frauen mit einer gutartigen Raumforderung im Becken wurden in die Niedrigrisikogruppe eingeteilt (Roche Systeminformation Elecsys HE4, 2019). Der ROMA-Index ist dabei nicht validiert für Frauen unter 18 Jahren sowie für Frauen mit einer vorangegangenen oder laufenden malignen Tumorbehandlung. Der HE4-Test ist zum anlassfreien Krebsscreening nicht geeignet.

Die kombinierte Bestimmung beider Tumormarker erreicht eine höhere diagnostische Sensitivität und Spezifität als deren Einzelbestimmung und kann helfen, deren Limitationen auszugleichen. HE4 zeigt im Gegensatz zu CA 125 bei Endometriose-Patientinnen keine erhöhten Werte an, dagegen können Raucherinnen gegenüber Nicht-Raucherinnen höhere HE4-Werte haben, was zu falsch positiven Ergebnissen führen kann. CA 125 zeigt bei Raucherinnen keine erhöhten Werte.

Da HE4 mit dem Lebensalter ansteigt, werden von Dochez et al.2 und in anderen Studien zwei Entscheidungsbereiche vorgeschlagen: HE4 < 70 pmol/l für prämenopausale Frauen und HE4 < 140 pmol/l für postmenopausale Frauen. Voraussetzung für die Berechnung des ROMA-Index ist, dass beide Tumormarker aus derselben Serumprobe mit identischer Labormethode des selben Diagnostika-Herstellers bestimmt werden. Die Testergebnisse für HE4 oder CA 125 können also für die ROMA-Index-Berechnung nicht mit Testergebnissen aus Bestimmungsmethoden anderer Hersteller ausgetauscht werden.

Bei Verdacht auf ein muzinöses Ovarialkarzinom (Anteil ca. 4 %) sollte der Tumormarker CA 72-4 wegen der höheren diagnostischen Sensitivität ergänzt werden. Histologische Typen eines Ovarialkarzinoms wie muzinöses oder Keimzelltumore exprimieren HE4 nur selten und HE4 wird nicht zur Überwachung dieser Patientinnen empfohlen. Der überwiegende Anteil der malignen Ovarialtumore sind epitheliale Ovarialkarzinome (Tumormarker CA 125 und HE4).


Literatur

  1. S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren. Version 5.0, September 2021, AWMF-Registernummer 032/035OL
  2. Dochez V et al.: Biomarkers and algorithms for diagnosis of ovarian cancer: CA125, HE4, RMI and ROMA, a review. Journal of Ovarian Research, 2019 Mar 27;12:28
  3. Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut, Ovarialkarzinom, Stand 29.11.2021
  4. Thomas L. Labor und Diagnose. 8. Auflage, 2012, 1634–1639