Giardia duodenalis — neue Erkenntnisse zu einem alten Parasiten

Giardia duodenalis (syn. G. lamblia, G. intestinalis) wurde 1681 von Antoni van Leeuwenhoek bei der Untersuchung seines eigenen 2203 Pic 01 durchfälligen Stuhls mittels eines selbstkonstruierten Mikroskops erstmalig entdeckt. Der einzellige Erreger wird wie viele andere darmpathogene Mikroorganismen fäkal-oral übertragen und besiedelt vor allem Duodenum und Ileum des Wirtes.

PROF. DR. MED. RALF IGNATIUS

Das klinische Bild der Giardiasis ist sehr heterogen und reicht von akuten bzw. chronischen oder auch intermittierenden Diarrhöen bis zu körperlichen Entwicklungsstörungen, jedoch ohne Durchfälle, bei pädi-atrischen Patienten in Endemiegebieten. Die gestörte Wachstums- und Gewichtzunahme chronisch infizierter Kinder geht mit einem erheblich veränderten intestinalen Mikrobiom einher.(1)

Mittlerweile kennen wir acht Subtypen des Erregers, die ‚Assemblages A–H‘ genannt werden. Erreger der Assemblages A und B finden sich vor allem beim Menschen, wobei von einer großen Anzahl gemischter Infektionen (A + B, aber auch A + A und B + B) auszugehen ist. In Zusammenarbeit mit dem RKI und anderen Laboren haben wir gerade zeigen können, dass diese gemischten Infektionen molekular nicht einfach zu typisieren sind, was die Nachverfolgung von Ausbrüchen oder auch das Erkennen von Infektketten erheblich erschwert.(2)

In Deutschland werden Infektionen vor allem bei Kindern unter 10 Jahren und dann wieder bei Erwachsenen im Alter von 20 bis 60 Jahren gesehen.(3) Das männliche Geschlecht ist etwas häufiger betroffen als das weibliche, und es treten mehr Infektionen in urbanen als in ländlichen Bezirken auf. Bei etwa 50 % der jährlich circa 3.000 bis 4.000 dem RKI gemeldeten Giardiasis-Fälle ist keine Auslandsanamnese bekannt, und die Infektionen werden vom RKI daher als autochthon eingestuft. Infektquellen oder Reservoire für diese offenbar in Deutschland erworbenen Infektionen sind jedoch nicht bekannt.

Da sich die Erreger dieser Infektionen mit den heute zur Verfügung stehenden Typisierungsmethoden nicht von im Ausland akquirierten Erregern unterscheiden, kann man sich auch Infektketten in Deutschland mit importierten Erregern vorstellen. Bessere molekulare Typisierungsmethoden werden hier in Zukunft sicherlich mehr Klarheit bringen.

Die Labordiagnose beruht ausschließlich auf dem direkten Erregernachweis, wobei sich die PCR, die jedoch bislang nicht Teil der gesetzlichen Regelversorgung ist, verglichen mit der Lichtmikrokopie oder dem Antigennachweis sowohl bei Reiserückkehrern als auch in Endemiegebieten als die sensitivste Methode erwiesen hat. Folgerichtig würde aber eine regelhafte Diagnostik mittels PCR auch die Meldezahlen und ggf. sogar Tätigkeitsverbote gemäß §34 u. 42 IfSG beeinflussen.

Die Therapie der Giardiasis erfolgt in der Regel mit 3 x 500 mg Metronidazol über 5 bis 7 Tage. Allerdings sind therapierefraktäre Infektionen nicht selten. Diese können ein erhebliches Problem darstellen, da randomisierte kontrollierte Studien zu den meisten Zweitlinienmedikamenten (u. a. Nitazoxanid, Albendazol/Mebendazol, Chloroquin, Paromomycin) fehlen. Vorgeschlagen werden daher Kombinationen, die meist aus zwei dieser Medikamente plus einem 5-Nitroimidazol (z. B. Metronidazol) bestehen.

Eine Alternative könnte hier in dem ‚wiederentdeckten‘ Quinacrin (Mepacrin) bestehen,(4) welches das wichtigste Antimalariamittel der Alliierten im Zweiten Weltkrieg war und nach Kriegsende vom nebenwirkungsärmeren Chloroquin abgelöst wurde. Auch wenn es gegenwärtig keine Zulassung als Arzneimittel hat, besteht eine Sondergenehmigung für die Behandlung von Protozoeninfektionen in der Human- und Veterinärmedizin. Wegen seiner neuropsychiatrischen Nebenwirkungen ist jedoch Vorsicht beim Einsatz dieses Medikaments bei Patienten mit vorbekannten ZNS-Störungen geboten.


Literatur

  1. Berry ASF et al. mSphere 2020; 5(4): e00670–20
  2. Woschke A et al. PLoS NTD 2021; 15(3): e0009277
  3. RKI, Infektionsepidemiologisches Jahrbuch 2020
  4. Neumayr A et al. Clin Infect Dis. 2021; 1517–23