Präanalytik: Zirkadiane Rhythmik klinisch-chemischer Kenngrößen

 

Als zirkadiane Rhythmik bezeichnet man in der Chronobiologie zusammenfassend die inneren Rhythmen eines Organismus, die eine Periodenlänge von circa 24 Stunden haben. Bekanntestes Beispiel für einen solchen Rhythmus ist der Schlaf-Wach-Rhythmus. Abgeleitet von diesem ergeben sich tageszeitlich unterschiedliche Anforderungen an den Organismus, die dieser über entsprechend veränderte Konzentrationen körpereigener Substanzen zu bewältigen sucht.

MARTIN LOEPER

Ein in der modernen, interkontinental mobilen Gesellschaft bekanntes Beispiel hierfür ist das Melatonin, das als schlafinduzierend gilt und ein Konzentrationsmaximum nach Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden zeigt. Die Schwankungsamplitude über den Tag beträgt für Melatonin beeindruckende 600–700 %. Nicht nur deshalb ist die Bestimmung von Melatonin nur in Verbindung mit Untersuchungen im Schlaflabor sinnvoll. Für HGH mit einem Maximum gegen 22 Uhr beträgt diese 300–400 % und für das Cortisol immer noch um die 200 %.

Im Allgemeinen weniger bekannt sind hingegen diurnale Schwankungen der Eisenkonzentration mit einem Maximum gegen 15 Uhr und einer Schwankungsamplitude von 50–70 %, der Hämoglobinkonzentration wie auch des Hämatokrits von 8–15 % sowie der TSH-Konzentration von 5–15 %, und der T4-Konzentration von 10–20 %.

Führt man sich diese tageszeitlichen Schwankungen vor Augen, so wünscht man sich auch für Routineparameter im Verlauf vergleichbare Abnahmezeitpunkte. Da die Ermittlung von Referenzbereichen der gleichen Problematik Rechnung tragen muss, beziehen sich diese im Regelfall auf die morgendliche Blutabnahme. In der Zusammenschau empfiehlt sich demnach idealerweise die Blutabnahme am Morgen oder frühen Vormittag, Abnahmen zu anderen Tageszeiten sollten die Ausnahme und Notfallparametern vorbehalten bleiben.

Wichtige Regeln zum Zeitpunkt der Probennahme  (1)

  • So möglich, sollten Blutentnahmen zwischen 7 und 9 Uhr morgens erfolgen.
  • Blutentnahmen sollten 12 Stunden nach der letzten Mahlzeit durchgeführt werden.
  • Blutentnahmen sollten vor etwaigen körperlichen Untersuchungen und therapeutischen Interventionen erfolgen.
  • Beim Drug-Monitoring ist zu bedenken, dass Kumulationsgleichgewichte unmittelbar vor der Medikamenten-einnahme, Spitzenspiegel nach der Medikamenteneinnahme bestehen.
  • Grundsätzlich ist der genaue Abnahmezeitpunkt auch auf den Laboranforderungen zu dokumentieren.

Tägliche Variabilität ausgesuchter Analyten modifiziert nach Lit. 1 (S=Serum; U=Urin) (1)


Literatur

  1. Guder WG, Narayanan S, Wisser H, Zawta B, Diagnostic Samples: From the Patient to the Laboratory, 4th edition [2009), S. 16–17.