Vitamin B12-Mangel bei vegetarischer Ernährung


Eine pflanzliche Ernährung ist gesund; die Risiken für Arteriosklerose, koronare Herzerkrankung, Typ-2-Diabetes mellitus und Metabolisches Syndrom sind reduziert. Es besteht jedoch ein Risiko für eine unzureichende Versorgung mit Mikronährstoffen.

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DR. MED. HANS-ULRICH ALTENKIRCH

Vitamin B12 (Cobalamin) ist ein Coenzym sowohl der Methionin-Synthetase, die die Umwandlung von Homocystein in Methionin steuert, als auch der Methylmalonyl-CoA-Mutase, die die Produktion von Succinyl-CoA aus Methlymalonyl-CoA, der aktiven Form der Methylmalonsäure (MMA) katalysiert. Diese Reaktionen greifen in den Methionin- und den Folat-Kreislauf und sind somit essentiell für die Synthese von DNA und RNA, für die Erythropoese und für die Synthese von Neurotransmittern. Dementsprechend kann ein B12- oder Folsäure-Mangel zu neurologischen Symptomen oder einer Megaloblastären Anämie führen.

 

Für die frühzeitige Diagnostik eines Vitamin B12-Mangels wird die Bestimmung von möglichst zwei Biomarkern empfohlen (Hannibal L et al. 2016):

 

  • Vitamin B12 im Serum ist die am häufigsten verwendete Messgröße, um einen Mangel zu erkennen. Die B12-Serumwerte können aber unauffällig sein, obwohl ein funktionelles Defizit vorhanden ist, und nicht jeder niedrige B12-Wert muss mit einem Mangel einhergehen.
  • Ein spezifischerer Marker für einen funktionellen B12-Mangel ist Homocystein (Hcy) im Plasma, das bei intrazellulärem Mangel ansteigt. Hcy ist aber nicht spezifisch, da es auch bei Folat- und B6-Mangel erhöht gemessen wird. (Bitte für die Bestimmung Hcy-Spezialröhrchen anfordern.)
  • Die Methylmalonsäure (MMA) im Serum ist der Biomarker mit der höchsten diagnostischen Spezifität für die Diagnose eines B12-Mangels. MMA ist unabhängig vom Folatstatus und steigt bei Cobalamindefizit an, bevor klinische Symptome sichtbar werden. Zu berücksichtigen ist, dass MMA auch bei eingeschränkter Nierenfunktion ansteigt.
  • Vitamin B12 aus der Nahrung wird im Intestinaltrakt absorbiert und lagert sich an die Transportproteine Haptocorrin (HC), Intrinsic Faktor (IF) und Transcobalamin (TC). Nur das an Transcobalamin gekoppelte B12 (Holo-TC) wird intrazellulär aufgenommen. Holo-TC entspricht 6–10 % des gesamten Vitamin B12 im Blut und ist besonders bei Älteren eine geeignetere Messgröße für einen Vitamin B12-Mangel.

 

Um einen funktionellen Vitamin B12-Mangel möglichst sicher zu erkennen, bietet es sich also an, die Bestimmung von Vitamin B12 oder Holo-TC mit einer der beiden metabolischen Messgrößen MMA bzw. Homocystein (Hcy) zu kombinieren.

Cobalamin wird fast ausschließlich von Bakterien produziert und reichert sich im Rahmen der Nahrungskette in tierischen Produkten an (Fleisch, Milch, Eier, Fisch). Andere Nahrungsquellen sind selten und betreffen Pilze wie Shiitake, Totentrompete, Pfifferlinge sowie bestimmte Algen und Cyanobakterien. Diese Quellen werden häufig benutzt, um Arzneimittel zu produzieren, die von Vegetariern und insbesondere Veganern als B12-Supplementation verwendet werden. Allerdings beinhalten diese Produkte einen großen Anteil von inaktivem Vitamin B12.

Der Vitamin B12-Mangel gilt als ein besonderes Problem für Vegetarier, insbesondere bei Veganern, wenn kein Cobalamin supplementiert wird, was sich in Studien aus verschiedenen Ländern nachweisen lässt:

 

  • In Spanien zeigten sich bei Vegetariern in 11 % der Teilnehmer erhöhte MMA-Werte (MMA > 32 µg/l) und 33 % eine Hyperhomocystein-ämie (HHcy) (Hcy > 15 µmol/l) (Gallego-Narbón A et al. 2019). Bei Studienteilnehmern ohne Vitamin B12-Substitution lag der Anteil mit HHcy bei 43 %, bei denen mit B12-Substitution bei 23 %. Die Autorinnen spekulieren, ob der hohe Anteil an Personen mit HHcy durch die hohe Methioninaufnahme bei Vegetariern, die Milch und Eierprodukte zu sich nehmen, bedingt sein könnte. Ein Folatmangel als Ursachefür eine Hyperhomocysteinämie wird ausgeschlossen, da die untersuchten Folatwerte unauffällig waren.
  • In Deutschland wurden in einer älteren Studie bei Teilnehmern ohne B12-Substitution folgende Ergebnisse bei Ovo-Lakto-Vegetariern gefunden: 77 % erniedrigtes Holo-TC, 68 % erhöhtes MMA (MMA > 32 µg/l) und 28 % HHcy (Hcy > 12 µmol/l); bei Veganern betrugen diese Anteile 92 %, 83 % und 67 %.
  • Bei Ovo-Lakto-Vegetariern, die Vitamin B12 einnahmen, war trotzdem bei 62 % der Teilnehmer HoloTC erniedrigt und eine Erhöhung der MMA war in 32 % der Fälle (bei Hcy in 15 % der Fälle) nachweisbar (Herrmann W et al. 2003).
  • In einer englischen Studie wurde bei 52 % der Veganer und bei 7 % der Ovo-Lakto-Vegetarier ein manifester Vitamin B12-Mangel diagnostiziert (Gilsing A et al. 2011).
  • In Indien wurde ein Anteil von 79 % mit unzureichender Vitamin-B12-Versorgung gefunden. 50 % der Teilnehmer zeigten ein niedriges Serum-B12 und eine Hyperhomocysteinämie (Elmadfa et al. 2009).

Diese Zahlen belegen ein global erhöhtes Risiko für einen Vitamin B12-Mangel bei vegetarischer Ernährung. Auch bei Personen, die Vitamin B12 substituieren, sollte der Erfolg der Substitution durch die Messung von Biomarkern kontrolliert werden.

 


Literatur

  1. Hannibal L, Lysne V, Bjørke-Monsen AL et al. Biomarkers and Algorithms for the Diagnosis of Vitamin B12 Deficiency (published correction appears in Front Mol Biosci. 2017 Aug 08;4:53) Front Mol Biosci. 2016; 3:27.
  2. Gallego-Narbón A, Zapatera B, Barrios L, Vaquero MP. Vitamin B12 and folate status in Spanish lacto-ovo vegetarians and vegans. J Nutr Sci. 2019; 8:e7.