Die Pandemie als Brennglas – „Lessons learned“ – Erfahrungen und Erkenntnisse

 

Medizin mit und aus dem Labor heraus ist ärztliche Tätigkeit in der Versorgung der Bevölkerung mit Fokus auf medizinischen Nutzen. Medizin ist meist interdisziplinär ausgerichtet. So ist die Zusammenarbeit zwischen Ärzt*innen im Labor und Praxis wie Krankenhaus von Bedeutung für eine bestmögliche Versorgung. Digitale Prozesse spielen hierbei eine große Rolle.

DR. MED MICHAEL MÜLLER

Das gilt auch in der COVID-19-Pandemie, wenn auch nicht außer Acht gelassen werden sollte, dass SARS-CoV-2 „nur“ eine von vielen Erkrankungen ist, die es zu behandeln gilt. Aufgrund der pandemischen Lage ist sie jedoch mit Vorrang zu betrachten. Das sollte jedoch, wie zeitweilig zu beobachten, nicht dazu führen, dass Menschen mit akuten oder chronischen Erkrankungen aus Sorge vor einer SARS-CoV-2-Infektion den Weg in die ärztliche Behandlung scheuen.

Impfstoffe ermöglichen uns jetzt eine Überwindung dieser neuen Infektionserkrankung. Das Virus nutzt effizient uns Menschen als Wirt. COVID-19 ist Bestandteil des Infektionsgeschehens. Der weitere Verlauf ist schwer vorhersehbar, denn es fehlt an Erfahrung und Erkenntnissen, wie sich SARS-CoV-2 in einer geimpften Gesellschaft ausbreitet. In dieser Situation ist ein „Lessons learned“ mit Blick auf die eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse sinnvoll.

Als Grundlage dient der Pandemieplan mit den COVID-19-spezifischen Ergänzungen durch das Robert Koch-Institut (RKI). Die dort formuliert Ziele lauten: Infektionen erkennen, die weitere Ausbreitung eindämmen, Schutz besonderer vulnerabler Gruppen. Das RKI publizierte fortan wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen zu SARS-CoV-2 für Politik, Ärzteschaft und Gesellschaft. Herausfordernd bleibt, die wachsende Informationsfülle strukturiert und leicht zugänglich bereitzustellen.

Für die Pandemiebewältigung ist eine Vernetzung der Akteure auf allen Ebenen und in den Bereichen gesellschaftlichen Lebens von zentraler Bedeutung, in der medizinischen Versorgung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und den verantwortlichen Behörden der Gesundheitsverwaltung.

Die Bundesärztekammer bildete im November 2020 den interdisziplinären Ärztlichen Pandemierat mit Arbeitsgruppen. Hier entstand ein „Thesenpapier zur Teststrategie“. In allen Strukturen beteiligen sich die Fachärzt*innen der Laboratoriumsmedizin sowie der Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie aktiv und bringen hier die Erfahrungen und Kenntnisse zur Diagnostik und deren Aussagekraft ein.

Diagnostische Tests haben nach Fragestellung und Einsatzort unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen. Hier kommt den Fachärzt*innen im Labor die wichtige Aufgabe zu, bei der Erarbeitung von Teststrategien und der Auswahl geeigneter Tests ihre Erfahrungen und Kenntnisse einzubringen. Es war eine neue und positive Erfahrung, hier aktiv eingebunden zu sein.

Die „Nationale Teststrategie“ wird seit Juli 2020 auf der Homepage des RKI mit Erläuterungen veröffentlicht und regelmäßig aktualisiert. Sie wurde in der Fachöffentlichkeit, der Ärzteschaft, den Medien oder auch bei politisch Verantwortlichen nur unzureichend wahrgenommen. Künftig wäre eine Verbesserung der Awareness durch proaktivere Kommunikation sinnvoll. Das gilt auch für die wichtigen Empfehlungen des RKI zu Diagnostik sowie zur Indikationsstellung für eine Testung von Personen auf das Vorliegen einer SARS-CoV-2-Infektion als wichtige und stets aktuelle Dokumente.

Mit SARS-CoV-2-Antigentests als Point-of-Care-Tests (POCT) und „Selbsttest“ wurde der Eindruck eines nahezu unlimitierten Testangebotes und dem damit erreichbaren „Ausweg aus den Eindämmungsmaßnahmen“ geweckt und die Sehnsucht gestärkt, Hygiene- und weitere Schutzmaßnahmen überflüssig machen zu können. Antigentests sind, zielgerichtet genutzt, eine Ergänzung von Infektionsschutz- und Hygienekonzepten. Der Erfolg für eine weitere Eindämmung der COVID-19-Pandemie mit Nutzung von Antigentests hängt jedoch besonders von der Compliance der Bevölkerung bezüglich aller Infektionsschutzmaßnahmen ab.

Jede Person sollte eigenverantwortlich handeln und dabei die Limitationen der Tests beachten. Zusätzlich helfen kann die Ärzteschaft durch Aufklärung, Beratung und Begleitung. Für COVID-19 gilt: Kontakte und Mobilität sind Treiber der Pandemie; Kontaktreduktion, Abstand und Masken sind die wirksame Bremse. Testen mit dem Ziel des „Freitestens“ war bisher nicht erfolgreich, was nicht überrascht. Die Beachtung der Basisregeln führt zum Rückgang an Neuinfektionen, unabhängig davon, ob und welche viralen Varianten (B.1.1.7, B.1.351, B.1.1.28.P.1 sowie B.1.617) sich entwickeln.

Entscheidungen zur Pandemieeindämmung scheinen zunehmend losgelöst von Erkenntnissen der medizinisch-infektionsepidemiologischen Experten getroffen zu werden. Daten und Fakten werden beliebig „gedeutet“. Wer Vertrauen gewinnen möchte, ist gut beraten mit Sachbezogenheit, Transparenz, Verlässlichkeit und Offenheit sowie Ehrlichkeit.

SARS-CoV-2 als neue Infektionserkrankung ist eine Herausforderung für die Zusammenarbeit innerhalb der Ärzteschaft und weit darüber hinaus innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen. Das erfordert einen respektvollen und wertschätzenden Diskurs, in dem der Ärzteschaft eine besondere Rolle und Verantwortung zukommt. Zusammenhalt hilft bei einem Marathon wie der COVID-19-Pandemie.

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