Flexicult™ Point-of-Care-Test: Eine Hilfe für die schnelle Harnwegsinfektionsdiagnostik in der Praxis?


Für die leitliniengerechte, kalkulierte antibiotische Therapie unkomplizierter Harnwegsinfektionen (HWI) werden Fosfomycin, Pivmecillinam, Nitroxolin und Nitrofurantoin empfohlen. Allerdings hat die kürzlich publizierte SARHA-Studie bei Erstuntersuchungen unkomplizierter HWI eine signifikant niedrigere Resistenz von Escherichia coli auch gegenüber Trimethoprim als die Routinedaten des Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) des Robert Koch-Instituts gezeigt.

DR. MED. THOMAS FREUND

Dadurch würde sehr wahrscheinlich ein weiteres Medikament zur kalkulierten Therapie der unkomplizierten HWI zur Verfügung stehen (1). Leider werden jedoch zurzeit statt der leitliniengerechten oben genannten antibiotischen Therapie häufig noch immer andere für die Initialtherapie nicht empfohlene Antibiotika wie Fluorchinolone (z. B. Ciprofloxacin) oder Cephalosporine (z. B. Cefuroxim) zur HWI-Therapie eingesetzt.

Die schnelle Urinuntersuchung einschließlich Identifizierung und Quantifizierung der auslösenden Bakterienspezies sowie eine Resistenztestung in der eigenen Praxis mit Erhalt des Ergebnisses am folgenden Tag könnte u. U. eine weitere Entscheidungshilfe für oder gegen eine antibiotische Therapie der unkomplizierten HWI darstellen. In Dänemark seit einigen Jahren zum Teil in der Routinediagnostik angewandt, berichtete die Ärztezeitung im Januar dieses Jahres über den möglichen Nutzen eines Vor-Ort-Tests (FlexicultTM, Statens Serum Institut, urinary kit) zur HWI-Diagnostik. Für die Durchführung des FlexicultTM in der Praxis benötigt man einen Inkubator, Qualitätskontrollen sowie ein Entsorgungskonzept. In Deutschland kann der Test bisher noch nicht abgerechnet werden.

Wie funktioniert der Test? Der zu untersuchende frische Urin wird auf eine in sechs Kammern unterteilte Agarplatte gegeben. Diese besteht aus einer großen Kammer für die quantitative Analyse der Bakterienspezies sowie fünf kleinen Kammern. Jede der fünf kleinen Kammern enthält ein Antibiotikum (Trimethoprim, Sulfamethoxazol, Ampicillin, Nitrofurantoin und Mecillinam) entsprechend der jeweiligen Minimalen Hemm-Konzentration.Chromogener, d. h. farbstoffbildender Agar ermöglicht die Differenzierung der Bakterienart. Nach einer Inkubationszeit von 16–24 Stunden bei 35 Grad Celsius kann das Ergebnis abgelesen werden (siehe Abbildung 1).

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Abbildung 1: Flexicult Point-of-Care-Test (Quelle: www.ssidiagnostica.dk)

Flexicult™ mit chromogener Agarplatte

Die publizierten Studien zum FlexicultTM weisen bislang ein einheitliches Bild auf. Er zeigt eine hohe Sensitivität (> 85 %) bei, verglichen mit der Standardkultur, geringer Spezifität (55–83 %) (2, 4). Die dadurch überschätzte Positivrate des Tests im Vergleich zur Kultur im Labor als Referenzmethode führt damit möglicherweise zu unnötigen Antibiotikatherapien (2). Der Test erweist sich zudem als nicht effektiv hinsichtlich Genesung, Rezidivneigung, Hospitalisierung und Resistenzbildung im Vergleich zur empirischen Therapie und ist somit nicht kosteneffektiv (5). Obwohl bei HWI mit Escherichia coli eine hohe Übereinstimmung in der Resistenztestung gesehen wurde, wurden auch deutliche Unstimmigkeiten zwischen der Interpretation des Tests durch Kliniker sowie der Interpretation der Test-Fotografie durch das Laborpersonal beschrieben (3).

Die Daten sprechen aktuell weiterhin für eine klinische Entscheidung über den Einsatz einer antibiotischen Therapie bei unkomplizierter HWI. Bei Indikation für eine antibiotische Therapie sollten jedoch die leitliniengerechten Antibiotika eingesetzt werden. Und die standardisierte bakteriologische Urinuntersuchung im Labor ist in der Versorgung von HWI-Patienten nach wie vor unverzichtbar.


Literatur

  1. Klingeberg et al., Dtsch Arztbl Int 2018; 115: 494–500. DOI 10.3238/arztbl.2018.0494
  2. Bongard et al., Eur J Clin Microbiol Infect Dis (2015) 34:2111–2119. DOI 10.1007/s10096-015-2460-4
  3. Hullegie et al., Family Practice, 2017, Vol. 34, No. 4, 392–399. DOI 10.1093/fampra/cmx009.
  4. Holm A, et al. Scand J Prim Health Care. 2017 Jun;35(2):170–177. DOI 10.1080/02813432.2017.1333304
  5. Butler et al., Br J Gen Pract. 2018 Apr;68(669):e268-e278. DOI 10.3399/bjgp18X695285