COVID-19-Antigentest: Entscheidend ist der richtige Einsatz

Neben der Einhaltung der Hygieneregeln wie Abstand halten, Händehygiene, Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sowie regelmäßigem Lüften (AHA+L) ist das Testen auf SARS-CoV-2 ein wichtiger Baustein der Pandemiebekämpfung. Seit Beginn der Pandemie wird vom Robert Koch-Institut (RKI) der Grundsatz „Testen, Testen, Testen – aber gezielt“ propagiert.

DR. MED. THOMAS FREUND

Wurden anfänglich in Deutschland vor allem symptomatische Personen getestet, ist im Verlauf der Pandemie besonders der Anspruch der Bevölkerung auf eine Testung zunehmend größer geworden. Sei es um die eigenen Eltern bzw. Großeltern zu besuchen oder zu reisen. Diese ungezielte Testung suggeriert bei negativem Testergebnis ein falsches Sicherheitsgefühl, da es nur eine Momentaufnahme widerspiegelt, und birgt die Gefahr, die oben genannten Hygieneregeln zu vernachlässigen. Im Rahmender Nationalen Teststrategie sollen symptomatische Personen, Kontaktpersonen bestätigter Covid-19-Fälle sowie exponierte Personen bei einem Ausbruchsgeschehen wenn möglich, immer mittels PCR getestet werden.

Im Oktober 2020 wurde die Nationale Teststrategie um die Antigenteste (POC-/Point-of-Care- sowie laborbasierte Antigenteste) ergänzt. Die Sensitivität (Richtig-Positiv-Rate) und Spezifität (Richtig-Negativ-Rate) der Antigenteste liegen deutlich unter denen der PCR. Um die Sensitivität und Spezifität eines Testes bewerten zu können, bedarf es Vergleichsstudien (siehe unten). Beim Einsatz des Antigentestes ist die Vortestwahrscheinlichkeit, d. h., wie wahrscheinlich ist das Vorliegen einer Infektion bei der getesteten Person, für die Interpretation des Testergebnisses von großer Bedeutung. Neben der Symptomatik spielt hier die Prävalenz (Infektionshäufigkeit in der Bevölkerung) eine wichtige Rolle.

Für die Einschätzung der Aussagekraft des Testergebnisses durch klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte sind der positiv prädiktive Wert (PPV – Anteil der Patienten mit einem positiven Test, der tatsächlich erkrankt ist) sowie der negativ prädiktive Wert (NPV – Anteil der Patienten mit einem negativen Testergebnis, der gesund ist) ausschlaggebend.

Der PPV und der NPV werden durch Sensitivität, Spezifität sowie die Prävalenz beeinflusst. Anschaulicher lässt es sich anhand eines Beispiels betrachten. Bei einer asymptomatischen Person ohne Kontakt zu einem Covid-19-Fall und bei geringer Prävalenz ist der NPV, d. h., der Anteil der Getesteten mit richtig negativem Testergebnis, hoch; allerdings ist unter diesen Bedingungen eine relativ hohe Anzahl der Testergebnisse falsch-positiv. Bei steigender Prävalenz in der untersuchten Population steigt der PPV, d. h., der Anteil der Getesteten mit richtig positivem Testergebnis. Eine steigende Prävalenz führt dagegen zu einer zunehmenden Rate falsch-negativer Testergebnisse. Eindrücklich zeigt sich dies auf der Seite des RKI-Test-Rechners (https://rki-wiko.shinyapps.io/test_qual/).

Aufgrund der geringeren Sensitivität des Antigentests im Vergleich zur PCR-Testung ist für ein positives Ergebnis eine höhere Virusmenge erforderlich. Dadurch schließt ein negatives Antigentestergebnis eine SARS-CoV-2-Infektion nicht aus. Weiter üben die optimale Abstrichentnahme oder die Temperatur bei Einsatz des Antigentestes einen Einfluss auf das Ergebnis aus, z. B. bei Testung im Freien bei kalten Temperaturen mit möglicherweise falsch-negativen Resultaten.

In vor Kurzem erschienenen klinischen Vergleichsstudien lag die Sensitivität der untersuchten Antigenteste (POCT) mit 45–50 % (1) und 50–76 % (2) deutlich unter den Angaben der Hersteller bei einer Spezifität von 94,9 % bzw. 97,7 % (1, 2). In der SAFE School Study zeigten sich im Rahmen der Reihen-Selbsttestung von Lehrern mit POC-Antigentesten 16 falsch-positive Ergebnisse bei über 10.000 durchgeführten Tests. Die falsch-positiven Ergebnisse traten vornehmlich in Gebieten mit niedriger Inzidenz (Rate an Neuinfektionen) auf. Grundsätzlich müssen alle positiven Antigenteste in einer PCR-Testung bestätigt werden. Diesbezüglich wurden bei Labor 28 im Zeitraum Januar (01.01.–31.01.2021) 101 PCR-Anforderungen zur Abklärung eines positiven Antigentestes eingesandt (von über 60 verschiedenen Einsendern). Hier bestätigten sich nur 63 Proben in der PCR-Testung (62,4 %), d. h., die falsch-positiv Rate der Antigenteste lag bei 37,6 %.

Zusammenfassend bleibt der Grundsatz „Testen, Testen, Testen – aber gezielt“ ein zentraler Baustein zur Eindämmung der Infektionszahlen. Die PCR-Untersuchung bleibt der Goldstandard zur Testung auf Covid-19. Zur Entlastung von Kapazitäten bei der PCR-Testung können richtig eingesetzte Antigenteste im Rahmen der nationalen Teststrategie eine Hilfe zur Eindämmung der Pandemie leisten.

 


Literatur

  1. Osterman et al., Med Microbiol Immunol 2021 Jan 16;1–8. DOI 10.1007/s00430-020-00698-8.
  2. medRxiv preprint. DOI https://doi.org/10.1101/2020.12.04.20243410.