Medizin ist eine interdisziplinäre und interprofessionelle Aufgabe der Ärzteschaft


COVID-19 als neue Infektionserkrankung und auch als eine Jahrhundertpandemie hält seit mehr als einem Jahr die Weltgemeinschaft in Atem und fordert uns maximal heraus. Ein unsichtbares Virus nutzt den Menschen zugleich als Wirt und Transportmittel. Die Maßnahmen zur wirkungsvollen Eindämmung des Infektionsgeschehens konkurrieren mit dem Bedürfnis der Menschen nach einem möglichst unbeeinflussten und uneingeschränkten Leben. Die Einsicht in die Notwendigkeit, das gesamtgesellschaftliche und damit gemeinschaftliche Interesse an einer erfolgreichen und mit möglichst wenig Erkrankungs- und Todesfällen verbundenen Überwindung der COVID-19-Pandemie über das individuelle Freiheits- und Freizügigkeitsempfinden zu stellen, fällt allen schwer, mit fortlaufender Zeit und wellenförmigem Auf und Ab der Maßnahmen erhöht sich die Belastung noch.

DR. MED MICHAEL MÜLLER

Bei einer hohen Zahl an Neuinfektionen in kurzer Zeit entstehen Mutationen, die auch die Viruseigenschaften verändern und somit zu einer noch leichteren Übertragbarkeit, der Veränderung des Krankheitsverlaufes und dem Risiko unwirksamer Impfstoffe führen können.

Niemand war auf eine solche Situation und auch Entwicklung vorbereitet. Die Dynamik der Entwicklung der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland und die damit verbundenen medizinischen wie auch gesellschaftlichen Auswirkungen haben sehr schnell enormen Druck auf alle ausgeübt: Es galt, für jeden Einzelnen die richtigen Hinweise und Empfehlungen für das persönliche Verhalten zu entwickeln sowie eine möglichst umfassende und ebenso effiziente Diagnostik und Therapie Infizierter und dabei die Weiterverbreitung der Infektion unter dem Schutz besonderer Risikogruppen möglichst konsequent einzudämmen. Und schließlich war und ist es zentral, das gesellschaftliche Leben insgesamt und den Zusammenhalt zu stärken, letzteres gilt auch grenzüberschreitend.

Mit fortlaufender Pandemie entsteht bisweilen der Eindruck, es handele sich um ein „Technikgeschehen“ oder gar Schachspiel, bei dem es nur darauf ankomme, wissenschaftlich besonders gut vorausberechnete „modellierte Maßnahmen“ anzuwenden, gleichsam wohlbedacht vorausberechneten Zügen auf einem Schachbrett, und schon würde sich ganz folgerichtig, ja quasi „logisch“ alles so entwickeln, wie vorausberechnet. Diese Sehnsucht wird nicht erfüllt. Die Schachfiguren auf dem Spielbrett sind an Anzahl zu groß. Wir, die Menschen, sind sehr stark individuell geprägt und reagieren eher und nachhaltiger, wenn wir direkt betroffen sind und den Sinn und die Richtigkeit von Maßnahmen einsehen.

Überall dort, wo die Basisregeln in der Pandemie eingehalten werden, können wir einen Rückgang der Anzahl an Neuinfektionen beobachten, unabhängig davon, ob und welche Virusvarianten (Variants of Concern), womit die in Großbritannien, Südafrika und Brasilien zuerst entdeckten Varianten B.1.1.7, B.1351 sowie B.1.1.28.P.1 gemeint sind, sich entwickeln. Soweit die Varianten mit einer erleichterten Übertragbarkeit verbunden sind, erhöht sich die Bedeutung der Basisregeln und ihrer strikten und konsequenten Einhaltung. Kontakte reduzieren, Abstand halten, Masken tragen, Händehygiene, Lüften in Innenräumen und Nutzen der Corona-Warn-App, kurz „KR + AHA + L + CWA“ ist das, was jede und jeder von uns jeden Tag beachten kann und sollte, um SARS-CoV-2 so wenig wie nur möglich zu verbreiten.

Die COVID-19-Pandemie zeigt auch eine andere Entwicklung, die einer weiteren Diskussion und Bewertung bedarf. Eine in erster Linie von Ärztinnen und Ärzten zu diagnostizierende und behandelnde Infektionserkrankung wird durch die zunehmende Beeinflussung des gesellschaftlichen Lebens und die zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung notwendigen weitgehenden Einschränkungen desselben in immer stärker werdendem Maße nicht-ärztlich „gemanagt“.

Ärztinnen und Ärzten wird, unabhängig von ihrem Tätigkeitsgebiet in der direkten Patientenversorgung oder im Öffentlichen Gesundheitsdienst, diese neuartige Infektionserkrankung in wichtigen Kernfragen weitgehend aus der Hand genommen. Fokus und Blickwinkel verschieben sich, ja es konkurrieren ganz unterschiedliche und berechtigte Interessen miteinander, die einer gemeinschaftlichen Abwägung bedürfen. Hier kommt Einrichtungen wie dem Ethikrat und auch den ärztlichen Körperschaften und Vertretungen eine besondere Rolle zu.

So ist SARS-CoV-2 als neue Infektionserkrankung auch eine neue Herausforderung für die Zusammenarbeit innerhalb der Ärzteschaft und auch weit darüber hinaus innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen. Das erfordert einen respektvollen und wertschätzenden Diskurs, in dem der Ärzteschaft auch eine besondere Rolle und Verantwortung zukommt.