Erhöhte Pankreasenzyme ohne erkennbare Pankreaserkrankung 

 

Bestimmungsmethoden für die Serumamylase und -lipase stehen seit fast einem Jahrhundert zur Verfügung. Beide Enzyme sind für die differenzialdiagnostische Abklärung der Verdachtsdiagnose einer akuten Pankreatitis bzw. eines akuten Schubs einer chronischen Pankreatitis geeignet.

DR. MED. LARS TEMPLIN

AbbildungEin 3-fach erhöhter Enzymwert unterstützt eine solche Verdachtsdiagnose mit hoher Sicherheit, eine geringere Enzymerhöhung schließt sie aber keinesfalls aus. Der Schweregrad einer akuten Pankreatitis ist unabhängig von dem Ausmaß der Enzymerhöhung. Ein akuter, sogar nekrotisierender Schub einer chronischen Pankreatitis kann ohne jegliche Enzymerhöhung ablaufen.

In einer prospektiven Untersuchung fanden sich Amylase- und/oder Lipaseerhöhungen bei 140 (8 %) von 1.756 stationär aufgenommenen Patienten ohne zunächst erkennbare Pankreaserkrankungen. Eingehende Untersuchungen bei 87 dieser 140 Patienten zeigten in 10 Fällen (11 %) Veränderungen, die keiner Therapie bedurften (bei 4 Patienten eine schmerzlose Pankreatitis und bei 6 Patienten eine oder mehrere kleine Zysten).

Verschiedene Organe synthetisieren in unterschiedlichem Maße die Amylase. Lipase wird außerhalb der Bauchspeicheldrüse vor allem im Magenfundus synthetisiert. Es gibt zahlreiche Erkrankungen pankreasnaher und -ferner Organe, bei denen ein oder beide Enzyme erhöht gefunden werden, ohne dass klinisch eine Pankreaserkrankung vorliegt. Hervorzuheben ist ebenfalls, dass die Referenzbereiche für beide Pankreasenzyme die Messwerte von 95 % der gesunden Bevölkerung umfassen. Die unselektive Bestimmung der Amylase oder Lipase wird daher schon bei jeder 20. Person mit „gesundem“ Pankreas einen „pathologisch“ erhöhten Wert zeigen.

Pankreatogene und nicht pankreatogene Ursachen einer Hyperamylasämie und/oder Hyperlipasämie sind sehr vielfältig und erfordern unterschiedliche Diagnosestrategien (Sonographie, ggf. MRT). Die Ursachen reichen von Pankreas-, Speicheldrüsen-, Magen-Darm-, Leber- und Gallenwegserkrankungen über gynäkologische Erkrankungen und Tumore bis hin zur diabetischen Ketoazidose.

Insbesondere bei asymptomatischen Patienten sollte auch der Nachweis bzw. Ausschluss einer Makroamylasämie und Makrolipasämie z. B. mittels Gelchromatographie erfolgen. Bei 0,4 Prozent der Bevölkerung bindet sich die Amylase oder Lipase an ein Makroglobulin der IgG- oder IgA-Gruppe. Folge dieser Komplexbildung ist, dass weder das Amylase- noch das Lipasemolekül über den Urin ausgeschieden werden können. Eine Makroamylasämie findet sich bei rund fünf Prozent aller asymptomatischen Patienten mit einer Hyperamylasämie. Im Unterschied zu einer Pankreatitis ist die Ausscheidung der Enzyme im Urin normal oder sogar erniedrigt.

Letztlich sind Makroamylasämie und Makrolipasämie ohne Krankheitswert, so dass keine weiterführende Diagnostik erforderlich ist. Ist eine Makroamylasämie bzw. Makrolipasämie ausgeschlossen, sollte auch an eine familiäre idiopathische Hyperamylasämie/Hyperlipasämie gedacht werden. Dabei handelt es sich um eine gutartige, vermutlich autosomal-dominant vererbte Anomalie, die klinisch vollkommen inapparent bleibt und deshalb weder einer weiteren Diagnostik noch Therapie bedarf.

Zusammengefasst sollten Pankreasenzyme nur bei klinischem Verdacht auf eine akute oder einen akuten Schub einer chronischen Pankreatitis bestimmt werden. Sie sind keinesfalls routinemäßig bei im Hinblick auf die Bauchspeicheldrüse asymptomatischen Patienten zu veranlassen.

 


Literatur

  1. Lankisch PG, Doobe C, Finger T et al. Hyperamylasaemia and/or hyperlipasaemia: incidence and underlying causes in hospitalized patients with non-pancreatic diseases. Scand J Gastroenterol 2009