Anämieabklärung bei chronischen Erkrankungen 

 

Eine Ursachenabklärung einer Anämie bei chronischen Erkrankungen wie z. B. Tumorerkrankungen, chronischen Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen gestaltet sich mit den Standardanämieparametern wie z. B. Ferritin, Transferrin und Serumeisen teilweise schwierig.

Dr. med. Adrianna Jagiello

 

Der Parameter Ferritin, der die Speichereisenkonzentration anzeigt, ist ein Akut-Phase-Protein, das im Rahmen von Entzündungen ansteigt. Ein Eisenmangel kann hier kaschiert werden. Transferrin wiederum ist ein Negativ-Akut-Phase-Protein, d. h. der Parameter sinkt bei Entzündungen, so dass die Transferrinsättigung z. B. bei einem Eisenmangel falsch erhöht sein kann. Dies erschwert die klinische Interpretation der Messergebnisse. Außerdem wird im Rahmen eines entzündlichen Geschehens das Protein Hepcidin vermehrt produziert, das in dem Eisenstoffwechsel wichtige Aufgaben übernimmt. Es hemmt die Eisenaufnahme im Darm und reduziert die Freisetzung aus den Zellen, so dass ein funktioneller Eisenmangel die Folge ist. Die Eisenspeicher sind ausreichend gefüllt, jedoch ist die Eisenversorgung für die Erythropoese unzureichend.

Bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung und dem V. a. einen Eisenmangel empfehlen wir eine Ergänzung der Standartanämieparameter. In Frage kommen hier Ret-He (Retikulozyten-Hämoglobin-Äquivalent) und der Thomas-Plot.

Das Retikulozyten-Hämoglobin-Äquivalent gibt den durchschnittlichen Hb-Gehalt von Retikulozyten an. Es ist ein früher Marker eines funktionellen Eisenmangels, da die Reifungszeit der Retikulozyten nur wenige Tage beträgt und sie nur 1–3 Tage im peripheren Blut zirkulieren. Es wird somit die aktuelle Bioverfügbarkeit von Eisen für die Erythropoese angezeigt, sodass der Parameter für die frühzeitige Diagnose und Therapiekontrolle der Eisenmangelanämie verwendet werden kann.

Der Thomas-Plot hilft bei der Abgrenzung zwischen funktionellem und klassischem Eisenmangel, er ermöglicht außerdem die Überwachung der Eisen- und/oder Erythropoetintherapie. Für die Erstellung des Diagramms sind die Bestimmung von Retikulozyten-Hämoglobin, löslichen Transferrinrezeptor und Ferritin notwendig. Abhängig von den Messwerten ist das Ergebnis in einem der vier Quadranten des Diagramms zu finden.

Wir bieten für unsere Einsender bei einem Indikationsauftrag „V. a. Eisenmangelanämie“ eine Stufendiagnostik an. Es erfolgt zunächst die Bestimmung eines kleinen Blutbildes. Bei erniedrigtem Hämoglobinwert schließt sich automatisch dann die Untersuchung von Ferritin und ggf. CRP, löslichem Transferrin-Rezeptor und Retikulozyten-Hämoglobin einschließlich des Eisendiagrammes (Thomas-Plot) an. Die Parameter werden nach Bedarf ergänzt (siehe Laborinformation Nr. 145 „Anämie/Eisenstoffwechsel 4-Felder-Diagramm).

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Abbildung: Diagnostisches Diagramm zur Klassifizierung eines Eisenmangels insbesondere bei ACD/renaler Anämie

 

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Literatur:

 

  1. Labor und Diagnose, L. Thomas, TH-Books, 8. Auflage, 2012
  2. Neue Parameter zur Diagnostik von Eisenmangelzuständen: Retikulozytenhämoglobin und löslicher Transferrinrezeptor, Thomas, Lothar, Dtsch Arztebl 2005; 102(9): A-580 / B-488 / C-455
  3. Retikulozytenhämoglobin und hypochrome Erythrozyten – Parameter zur Bestimmung des Eisenstatus, Sysmex Themenblatt, 2017

Der aktuelle Fall des Halbjahres: Therapiemonitoring des Eisenmangels bei einer Colitis ulcerosa, Sysmex, 04/2005