SARS-CoV-2 – Die Pandemie bricht über uns herein 

 

Es erscheint in der Erinnerung so weit zurückzuliegen, dabei ist es nicht einmal vier Monate her: Da saßen wir Ärztinnen und Ärzte im Labor zusammen und haben uns über die Bedeutung der ersten Berichte zu neuartigen Lungenerkrankungen im fernen China unterhalten.

DR. MED MICHAEL MÜLLER

2006 Pic 01Schnell war klar, dass es sich um eine durch ein neuartiges Virus ausgelöste und damit übertragbare Infektionserkrankung handelt. Aufmerksam verfolgten wir die Entwicklung der ersten PCR-Verfahren hier in Berlin und entschieden uns, das Labor auf die Einführung dieser Untersuchung vorzubereiten, nicht ahnend, dass bereits wenige Wochen später der medizinische Bedarf an zuverlässiger Diagnostik eine unvorhersehbare dynamische Entwicklung nehmen würde.

Ein erstes wichtiges Signal war die Entscheidung des GKV-Systems, die Diagnostik bereits zum 01. Februar 2020 in den Leistungskatalog des EBM aufzunehmen und dieses Leistungsgeschehen auch unmittelbar außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung zu finanzieren. Zu diesem frühen Zeitpunkt gab es die ersten Entwicklungen verschiedener molekularbiologischer Methoden für den sicheren Nachweis von SARS-CoV-2 mit einer PCR aus dem Nasen-/Rachenabstrich. Dank der guten und sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit mit anderen Laboren und aufgrund des raschen Austausches von Erfahrungen konnten wir verschiedene methodische Ansätze in unserem Labor prüfen und im Hinblick auf die Zuverlässigkeit der diagnostischen Aussage untersuchen. Hier war Teamarbeit gefragt, und es machte uns froh und stolz, dass MTLA, Biologen und Fachärztinnen und Fachärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie gemeinsam das Vorgehen für uns von der Probenentnahme über alle logistischen Fragen bis hin zum analytischen Vorgehen und der Befundübermittlung rasch strukturiert und organisiert hatten und somit eine diagnostisch sehr gute und robuste Methode etablieren konnten.

Da war das Infektionsgeschehen noch nicht in Berlin angekommen; deutschlandweit lag die Zahl der mit PCR bestätigt Infizierten noch unter 100. Doch die Besorgnis stieg von Tag zu Tag, auch durch ein sehr intensives mediales Geschehen zur Entwicklung und Ausbreitung der Pandemie. So war es wichtig, alle Kolleginnen und Kollegen im Labor umfassend über das Virus und die Infektion zu informieren und der weiteren Entwicklung entsprechend auf dem aktuellen Stand des Wissens zu halten. Kaum hatten wir uns nach Abschluss aller notwendigen Vorbereitungen zur Einführung der PCR-Diagnostik entschieden und darüber informiert, nahm die Zahl der bisher noch geringen Überweisungen deutlich zu. Und gleich am ersten Routine-Diagnostiktag gab es den ersten meldepflichtigen positiven Befund bei uns, einer der frühen Fälle in Berlin.

SARS-CoV-2 war jetzt da, doch noch ahnten wir nicht, dass nicht mal zwei Wochen später sich scheinbar alles fast ausschließlich um die Bewältigung dieser, zumindest nach unserem Gefühl, auf uns zurasenden Infektionswelle drehen würde. Besonnenheit und Ruhe, Kraft und Ausdauer und ein gutes Miteinander waren jetzt für das, was schon alle „Corona-Krise“ nannten, gefragt. In nur wenigen Tagen war nichts mehr so wie vorher. Alle gewohnten Vorgehensweisen und Abläufe galt es zu überprüfen und auf das übergeordnete Ziel der Pandemiebekämpfung hin anzupassen. Mit rasch zunehmender Fallzahl und auch nach der raschen Verbreitung der Infektion im Zusammenhang mit Besuchen in Berliner Clubs stellten sich neue Fragen, die Unsicherheit und weitere Besorgnis bei allen auslösten: Bin ich Kontaktperson? Ist mein leichter Husten jetzt eine COVID-19-Erkrankung? Wo und wie leicht stecke ich mich an? Was ist zu tun?

Es gab viel zu besprechen, zu erklären und zu organisieren, denn mittlerweile gab es eine erhebliche tägliche Zunahme an Überweisungen für die SARS-CoV-2-Diagnostik, die das engagierte und motivierte Team der Molekularbiologie bis an die Grenze und bisweilen darüber hinaus brachte bis hin zu der Frage, ob denn auch genügend Reagenzien für all die vielen Untersuchungen verfügbar sein würden. Für die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen stand das Telefon mit Anrufen besorgter Bürgerinnen und Bürger und vielen Nachfragen der zuweisenden Praxen nicht mehr still. Dazu galt es, die ebenfalls jeden Tag steigende Anzahl an positiven Befunden persönlich vorab telefonisch zu übermitteln.

Die Öffentlichkeit war aufgerufen zur Abstandshaltung und Kontaktreduktion, in Arztpraxen fanden sich immer weniger Patientinnen und Patienten aus Angst vor einer Ansteckung ein. Mit dem Ergebnis, dass im Labor innerhalb kurzer Zeit bisweilen weniger als die Hälfte der sonst üblichen Überweisungsfälle zu untersuchen waren. Jetzt entstand eine zusätzliche Verunsicherung darüber, was das zu bedeuten hatte und wie lange es anhalten würde.

In diesem Zustand mit täglich wechselnder Dynamik und ständiger Anspannung befinden wir uns nun fast zwei Monate. Langsam macht sich hier eine gewisse Routine breit. Abstandsregeln mit Umsetzung in allen Bereichen einschließlich des Pausenraums, der Umgang mit dem latenten persönlichen Risiko einer Infektion, das Wissen um die Möglichkeiten des eigenen Schutzes stärken das Selbstvertrauen. Die Erkenntnis, dass wir uns über eine längere Zeit bis zur Verfügbarkeit von wirksamen Therapien und Impfungen auf besondere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einzustellen haben, bewirkt, dass wir die Abläufe, Verhaltens- und Verfahrensregeln hierauf abstimmen. Dabei gewinnen wir das Gefühl, dass es uns auch helfen wird, die nächste Grippesaison, die in einigen Monaten beginnen wird, gut zu meistern.

Die Arztpraxen und Krankenhäuser stellen sich ebenfalls darauf ein; die bisher ausgebliebenen Patienten gehen bei akuten Beschwerden oder zur Kontrolle ihrer chronischen Erkrankungen wieder zum Arzt. Das führt zu einer entsprechenden Inanspruchnahme von Diagnostik und für uns im Labor zum gewohnten Umfang an diagnostischen Fragestellungen.

Unser Zwischenfazit: Die in der Intensität nicht vorhersehbare und schwer einschätzbare SARS-CoV-2-Epidemie mit ihren allgemeinen sowie in unserer Arbeitswelt spürbaren Auswirkungen zeigt uns mehr denn je, dass wir mit einer Zusammenarbeit, die auf Vertrauen und eigenes Zutrauen ausgerichtet ist sowie einer Fokussierung auf das Wesentliche, die Herausforderungen gut meistern können.

Dabei hat sich herausgestellt, dass die menschlichen Faktoren, eine positive Einstellung, eine auf die Stärken jeder Person ausgerichtete Strategie unter Bewahrung von Humor und Freude an der täglichen Arbeit wichtig sind. Wir sind auch dankbar dafür, dass wir für unsere Arbeit und das Engagement so außerordentlich viel positive Anerkennung und Wertschätzung erfahren haben. Auch das hilft, weiterhin alle Kräfte für die anstehende Zeit zu mobilisieren und für eine gute Versorgung zu bündeln.