Die Nahrungsmittelallergie

 

Nahrungsmittelallergien (NMA) sind meist Typ I-Reaktionen, das heißt, sie sind vorwiegend IgE-bedingt (> 85 % der Fälle einer Nahrungsmittelallergie). Bestätigt werden sie bei ca. 4 % der deutschen Bevölkerung. Eine Sensibilisierung kann primär über den Gastrointestinaltrakt erfolgen durch die Einwirkung hitzestabiler und magensäureresistenter Allergenkomponenten pflanzlicher oder tierischer Herkunft. Diese primären Allergien bilden den Hauptteil der Nahrungsmittelallergien bei Säuglingen und Kleinkindern.

DR. MED. ANDREAS WARKENTHIN

Als häufigste Allergenquellen primärer NMA sind die Folgenden zu nennen: Erdnuss, Baumnüsse, Soja, Weizen, Kuhmilch, Hühnerei, Fische und Krustentiere. Eine Sensibilisierung auf hitze- bzw. magensaftresistente Allergenkomponenten (Risikomarker) in den genannten Nahrungsmitteln prädisponiert zu einem hohen Risiko systemischer Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie und kann mit dem Nachweis von spezifischem IgE gegen diese molekularen Allergenkomponenten bestätigt werden: 

Pflanzliche Risikomarker sind die Speicherproteine (z. B. Ara h1) und das Lipid-Transfer Protein (z. B. Pru p3), die vor allem in Nüssen und Obst vorkommen.  

Tierische Risikomarker sind das Tropomyosin (z. B. in Weich- und Krustentieren), Parvalbumin (Fische) bzw. das alpha-Gal (rotes Nicht-Primatenfleisch). 

Den überwiegenden Teil der Nahrungsmittelallergien im Erwachsenenalter machen kreuzreaktiv bedingte (sekundäre) Nahrungsmittelallergien aus. Den Sensibilisierungsweg bildet oft der Respirationstrakt (Pollen, Hausstaub), seltener die Haut (berufliche Exposition). 

Bei den primär respiratorischen Sensibilisierungen ist v. a. die Birkenpollen-assoziierte Nahrungsmittelallergie bei den pflanzlichen Allergenen zu nennen. Hier führt eine Sensibilisierung auf Pollenbestandteile kreuzreaktiv zu Unverträglichkeit pflanzlicher Nahrungsmittel schon bei Erstkontakt. Da die typischen Pollenbestandteile, wie PR10-Protein und Profilin hitze- und säureinstabil sind und den unteren Gastrointestinaltrakt nicht in allergen wirksamer Form erreichen, werden die Symptome vor allem oropharyngeal als orales Allergiesyndrom (OAS) erkennbar.  

Meist werden bei isolierten Sensibilisierungen gegen instabile Allergene gekochte oder geröstete Zubereitungen vertragen und lediglich der rohe oder unzureichend gegarte Genuss der Nahrungsmittel bereitet Beschwerden. 

Insbesondere bei Mehrfachpositivität von Extrakt-Testergebnissen kann die Testung auf pflanzliche Panallergene wie Profilin, PR10-Protein oder CCD Hinweise auf etwaige fehlende klinische Relevanz oder auf eine leichtere sekundäre NMA (OAS) geben, sofern auf diese Panallergene eine isolierte Sensibilisierung besteht. 

Auch eine primär gastrointestinal erfolgte Sensibilisierung mit stabilen Nahrungsmittelallergenen kann potenziell über Kreuzreaktionen zu einer durchaus klinisch relevanten sekundären Nahrungsmittelallergie führen. Beispiele für tierische Allergene ist die Unverträglichkeit verschiedener Fischarten bei primärer Dorschallergie über das kreuzreaktive Parvalbumin (Gad c1). Bei primären Sensibilisierungen auf das stabile kreuzreaktive Tropomyosin (Pen a1), z. B. über den Respirationstrakt durch Hausstaubmilben, kann sekundär eine Unverträglichkeit bei Genuss verschiedener Weich- und Krustentiere entstehen. 

Stark kreuzreaktive instabile tierische Allergenkomponenten sind z. B. das Serumalbumin. Eine isolierte Sensibilisierung auf Serumalbumin kann die gleichzeitige Allergie auf rohe Kuhmilch und unzureichend gegartes Rindfleisch erklären. Beim Schweinefleisch-Katzen-Syndrom führt eine auf Katzenschuppen inhalativ erfolgte Serumalbuminsensibilisierung zu einer Schweinefleischunverträglichkeit. 

 


Literatur

1.) Trautmann A, Kleine-Tebbe J: Allergologie in Klinik und Praxis, Thieme-Verlag, 2. Auflage, 2006
2.)  Kleine-Tebbe J, Jakob T: Molekulare Allergiediagnostik, Springer-Verlag 2015
3.)  Allergo J Int 2015; 24:256, Seiten 38-75: Leitlinie zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien