Indikationsqualität als Kern ärztlichen Handelns 

 

Bereits vor fünf Jahren, im Februar 2015, hat sich der Ausschuss für ethische und medizinisch-juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer intensiv mit dem Thema „Medizinische Indikationsstellung und Ökonomisierung“ befasst und hierzu eine Stellungnahme erarbeitet, die nach Beschlussfassung im Vorstand im Mai 2015 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde.

DR. MED MICHAEL MÜLLER

Dort heißt es in der Einführung: „Die medizinische Indikation beruht auf einem aktiven Entscheidungsprozess, der sich definieren lässt als die Beurteilung eines Arztes, dass eine konkrete medizinische Maßnahme angezeigt ist, um ein bestimmtes Behandlungsziel zu erreichen. Der so verstandene Begriff kann zwar nicht losgelöst von soziokulturellen Kontexten verwendet werden. In der gegenwärtigen Situation einer weiter um sich greifenden ökonomischen Überformung der Medizin besteht aber die Tendenz, dass die Indikation zunehmend für das Ziel einer Optimierung der Erlöse zweckentfremdet wird.

Zwar steht außer Frage, dass die Qualität der medizinischen Versorgung langfristig nur auf einer soliden finanziellen Grundlage gesichert werden kann und daher das Gebot der Wirtschaftlichkeit im Sinne der Vermeidung von Verschwendung zu berücksichtigen ist: Dadurch darf aber die Zielsetzung ärztlichen Handelns nicht in ein ökonomisch orientiertes Handeln umdefiniert werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig, auf die Bedeutung der medizinischen Indikation als ‚Kernstück ärztlicher Legitimation‘ hinzuweisen und zu verdeutlichen, dass die Indikationsstellung ein Kernelement ärztlicher Berufsausübung darstellt.

Eine Kopplung der Indikation, die immer auf das Wohl des Patienten bezogen bleiben muss, mit vorrangig ökonomisch ausgerichteten Zielsetzungen erscheint in hohem Maße problematisch, weil damit das vertrauensvolle Arzt-Patient-Verhältnis als Voraussetzung für eine gute Therapie nachhaltig gefährdet würde.“ (Deutsches Ärzteblatt, Jg. 112, Heft 18, 01.05.2015, A836).

Uns Ärztinnen und Ärzten kann die gelegentliche Lektüre dieser wichtigen Positionierung unserer Interessenvertretung auf Bundesebene nur anempfohlen werden. Wir finden hier auch Hinweise darauf, wie wir eine ausgewogene Balance zwischen dem Primat der medizinisch und auf das Wohl des Patienten ausgerichteten Indikationsstellung und der für die Umsetzung verfügbaren Ressourcen finden können. Unsere Patientinnen und Patienten vertrauen darauf, dass wir uns mit dieser Grundausrichtung dem Gemeinwohl insgesamt und dem jeweiligen individuellen Patientenbedürfnis zuwenden.

Im Spannungsfeld dieser grundsätzlichen Betrachtung mit der Lebenswirklichkeit verlieren wir im Dschungel knapp bemessener Mittel für die Finanzierung der Versorgung, auch beeinflusst durch die innerärztlichen Auseinandersetzungen um die Honorarverteilung, den Blick auf diesen Kern ärztlichen Handelns. Wir nehmen Fehlentwicklungen wahr, die Anlass zur Sorge geben.

So stellen sich in den Laboren immer häufiger Patientinnen und Patienten vor, denen mit Hinweis auf die Budgets und Regeln einer „Laborreform“ labordiagnostische Versorgung verwehrt wird. Nach Einführung der so bezeichneten „Zweiten Stufe der Laborreform“ im Bereich der KV Berlin melden sich jetzt auch vermehrt erheblich verunsicherte ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die besorgt fragen: „Was darf ich denn jetzt noch an Labor überweisen?“ Hier sind Hilfe und Unterstützung vonnöten.

Reformen dienen üblicherweise dazu, Dinge zu verbessern. Leider ist hier festzustellen, dass lediglich Beschlüsse nach Kassenlage getroffen wurden, ohne „das große Ganze“ im Blick zu haben, insbesondere die Versorgung von Patientinnen und Patienten, die durch die mehr als 8.000 vertragsärztlich tätigen Haus- und Fachärzte verantwortungsvoll und zum Wohle der Bevölkerung geleistet wird.

Auch hier spielt die Indikationsstellung eine wichtige Rolle. In der sich dynamisch entwickelnden Medizin, insbesondere auch in den Facharztgebieten der Labormedizin und Mikrobiologie, ist es der einzelnen Ärztin oder dem jeweiligen Arzt nicht mehr möglich, alles jederzeit wissen zu können. Deswegen unterstützen wir im Labor 28 seit fast sechs Jahren durch unser wissenschaftlich fundiertes Konzept der „Diagnostischen Pfade“: Mit regelmäßig aktualisierten Empfehlungen zu wichtigen diagnostischen Fragen helfen wir bei der Entscheidungsfindung.

Mehr als dreißig solcher Empfehlungen sind interdisziplinär unter Beteiligung von primär behandelnden Haus- und Fachärzten entstanden. In fast zwei Dutzend Fortbildungen mit etwa 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden diese Pfade, häufig begleitet durch themenverwandte primär klinisch orientierte Vorträge, vorgestellt und diskutiert. In den hierzu seit drei Jahren jährlich durchgeführten Zufriedenheitsbefragungen erhalten wir außerordentlich viel Zuspruch. Die deutliche Mehrheit sieht das Angebot als Hilfe bei der Indikationsstellung, bei der Diagnosefindung und auch beim Therapiemonitoring.

Es bleibt zu hoffen, dass die Standesvertreter in den Gremien diese Erfahrungen und das Angebot der Berliner Labore nutzen, um im Sinne des oben genannten Papiers der Bundesärztekammer die Versorgung in Berlin ressourcenschonend zu verbessern.