West-Nil-Fieber:  Erste autochthone Infektion  in Deutschland nachgewiesen

 

Das West-Nil-Virus (WNV) ist ein Arbovirus aus der Familie der Flaviviren, zu der unter anderen auch  das Dengue-Virus, das Gelbfieber-Virus, das Japanische-Enzephalitis-Virus und das FSME-Virus gehören.  Das Virus ist eng verwandt mit dem Usutu-Virus, das als eine Ursache für das Amselsterben angesehen wird. 

DR. MED. JOHANNES FRIESEN

Der Stich infizierter Culex-Mücken kann in Endemie-Gebieten beim Menschen zum West-Nil-Fieber führen. Weitere Übertragungswege des Virus wurden beschrieben, darunter Bluttransfusion, 1912 Pic 02Organtransplantation oder transplazentare Übertragung. Das WNV ist weltweit in warmen Klimazonen verbreitet, es zeigt jedoch auch eine zunehmende geographische Ausdehnung in gemäßigteren Klimazonen. Im Verlauf weniger Jahre hat sich das Virus beispielsweise in ganz Nordamerika ausgebreitet, wo es vor 1999 nicht endemisch war. Dies gipfelte 2002 in einem Ausbruch mit über 4.000 Erkrankten und 250 Todesfällen. Außerdem wurden Ausbrüche in verschiedenen (süd-)europäischen Ländern beschrieben, z. B. in Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Tschechische Republik, Ungarn, Griechenland und in den Balkanstaaten. Das ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) meldete für 2019 bisher 43 Todesfälle. Davon wurden allein 30 Todesfälle in Griechenland bekannt, bei 220 gemeldeten Erkrankungsfällen. 

Indikator für das Risiko einer Übertragung auf den Menschen ist der Nachweis des Erregers in Vögeln und Pferden. Bereits 2016 wurde experimentell gezeigt, dass eine Übertragung in Deutschland durch die in Deutschland weit verbreitete Gemeine Hausmücke (Culex pipiens) prinzipiell möglich ist. Allerdings gab es zum damaligen Zeitpunkt keinen Hinweis auf eine Zirkulation des Virus in Mücken oder Tieren. 2018 wurde das Virus erstmalig in ortsansässigen Vögeln im südöstlichen Teil Deutschlands (auch Berlin) nachgewiesen und erneut auch in diesem Jahr. Es ist davon auszugehen, dass das Virus in Deutschland überwintert hat. Somit überrascht es nicht, dass es im August dieses Jahres zur ersten autochthonen Übertragung des Virus und zur Entwicklung einer Enzephalitis bei einem Patienten aus einem ländlichen Gebiet in Sachsen gekommen ist. Dieser konnte nach symptomatischer Behandlung in einer Leipziger Klinik ohne Residualsymptome entlassen werden. Da eine Enzephalitis selten im Rahmen einer WNV-Infektion auftritt, ist zu vermuten, dass es wahrscheinlich deutlich mehr nicht diagnostizierte WNV-Infektionen in Deutschland gegeben hat. Tatsächlich wurden im Oktober 2019 zwei weitere Infektionen bei Patientinnen aus Berlin und Wittenberg (Sachsen-Anhalt) bekannt, bei denen eine Übertragung durch Mücken nicht ausgeschlossen werden konnte.

Häufig verläuft die WNV-Infektion klinisch unauffällig. Bei ca. 20 % der Infizierten tritt 2–14 Tage nach dem Mückenstich Fieber auf, das häufig von Kopfschmerzen, Arthralgien und Myalgien begleitet wird. Die Krankheitsdauer beträgt typischerweise 3–6 Tage. Ein makulopapulöses Exanthem und gastrointestinale Symptome sind weitere typische Krankheitszeichen. Bei weniger als 1 % der Patienten kann eine Meningitis, eine akute schlaffe Lähmung oder eine Enzephalitis auftreten, mit teilweise tödlichem Ausgang. In den allermeisten Fällen heilt die Erkrankung folgenlos aus, allerdings kann sich an die Erkrankung eine über mehrere Monate andauernde Erschöpfungsphase anschließen.

In der akuten Phase der Erkrankung ist der Nachweis von West-Nil-Virus-RNA aus Vollblut, Serum, Urin oder Liquor mittels PCR möglich. Diese Untersuchung ist jedoch noch keine Kassenleistung in der ambulanten Krankenversorgung. Außerdem stehen serologische Verfahren (IFT, ELISA) zum Nachweis von IgG- und IgMAntikörpern zur Verfügung. Ein häufiges Problem in der serologischen Diagnostik stellt die Kreuzreaktivität der Antikörper mit anderen Flaviviren dar. Wichtig zur Interpretation sind daher anamnestische Angaben über Impfungen oder vorausgegangene Infektionen mit Flaviviren. Zur Erhöhung der Spezifität kann der sogenannte Plaque-Reduktions-Neutralisations-Test (PRNT) herangezogen werden. Dieser Test wird allerdings nur in SpezialLaboratorien vorgehalten. Außerdem kann eine Verlaufskontrolle bei der Interpretation serologischer Ergebnisse hilfreich sein. 

Eine Indikation zur Diagnostik besteht bei ätiologisch unklarer Enzephalitis, bei in den warmen Monaten des Jahres lokal auftretenden Häufungen von Fieber unklarer Genese oder bei entsprechender Symptomatik bei Reiserückkehrern aus (vermuteten) WNV-Endemiegebieten. 

Eine wirksame virustatische Therapie ist bisher nicht verfügbar; die Behandlung erfolgt rein symptomatisch. Vorbeugen lässt sich die Erkrankung beim Menschen nur durch wirksamen Mückenschutz. 

Es besteht die Labor-Meldepflicht für den direkten oder indirekten Erregernachweis (Arbovirus-Erkrankungen; § 7, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG)). 


Literatur 

1.) West-Nil-Fieber im Überblick. www.rki.de
2.)Leggewie M, Badusche M, Rudolf M, Jansen S, Börstler J, Krumkamp R, Huber K, Krüger A, Schmidt-Chanasit J, Tannich E, Becker SC.  Culex pipiens and Culex torrentium populations from Central Europe are susceptible to West Nile virus infection. One Health. 2016 Apr 20;2:88-94.
3.) Börstler J, Engel D, Petersen M, Poggensee C, Jansen S, Schmidt-Chanasit J, Lühken R.  Surveillance of maternal antibodies against West Nile virus in chicken eggs in South-West Germany. Trop Med Int Health. 2016 May;21(5):687-90. 
4.) Ziegler U, Lühken R, Keller M, Cadar D, van der Grinten E, Michel F, Albrecht K, Eiden M, Rinder M, Lachmann L, Höper D, Vina-Rodriguez A,  Gaede W, Pohl A, Schmidt-Chanasit J, Groschup MH. West Nile virus epizootic in Germany, 2018. Antiviral Res. 2019 Feb;162:39-43. 
5.) Weekly updates: 2019 West Nile virus transmission season. https://www.ecdc.europa.eu
6.) Wilking H, Offergeld R, Lachmann R, Grünewald T, Schmidt-Chanasit J:  Erster in Deutschland durch Stechmücken übertragener Fall einer West- Nil-Virus-Infektion. Epid Bull 2019;40:415-416 
7.) CDC, West Nile Virus in the United States: Guidelines for Surveillance, Prevention and Control, 4th Revision, June 2013.  http://www.cdc.gov/westnile/resources/pdfs/wnvguidelines.pdf