Patientenzentriert denken, organisieren und handeln 

 

Bald endet die zweite Dekade im 21. Jahrhundert, und im Rückblick lässt sich zweifelsfrei feststellen,  dass im Gesundheitswesen eine bis dato nie gekannte Dynamik in allen Facetten zu beobachten war.  Das medizinische Wissen hat sich rasant entwickelt, zuvor nicht einmal erträumte diagnostische  und therapeutische Möglichkeiten haben die direkte Patientenversorgung erreicht. Es ist etabliert,  dass zu besonderen Therapien die zugehörige Diagnostik als Companion Diagnostics begleitend  mitentwickelt und dann auch in die Patientenversorgung integriert wird.

DR. MED MICHAEL MÜLLER

Die Europäische Union hat die Vorschriften zum Inverkehrbringen von Medizinprodukten und In-Vitro-Diagnostika, zu denen alle Laboruntersuchungen gehören, in zwei neuen Verordnungen [MDR: (EU) 2017/245), IVDR: (EU) 2017/246] neu ge- regelt mit weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten, insbesondere auch für uns als medizinisches Labor.

Bei der sehr richtigen und wichtigen Ausrichtung an einem möglichst hohen Ge- sundheitsschutzniveau für Patienten und Anwender muten die Vorschriften in wichtigen Bereichen doch sehr bürokratisch an. Es entsteht die Besorgnis (und erste konkrete Anzeichen sprechen dafür), dass allein aufgrund der nun aufgebauten Hürden und Vorgaben bis heute gut etablierte und in Dia- gnostik und Therapie von Ärztinnen und Ärzten verwendete Methoden und Parameter bald nicht mehr zur Verfügung stehen. 

Wir erhoffen uns im laufenden Gesetz- gebungsverfahren des Medizinproduktedurchführungsgesetzes, dass die Bundesregierung den ihr gegebenen nationalen Spiel- raum nutzt und dort eingreift, wo es für die Aufrechterhaltung der Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung notwendig ist.

Eine in erster Linie unter dem Blickwinkel der Patientinnen und Patienten, also patientenzentrierte Ausrichtung der Entscheidungen und Maßnahmen im Gesundheitswesen und prinzipielle Ausrichtung der Versorgung ist sehr zu begrüßen. Sie stößt immer dann an Grenzen und erfordert eine Diskussion unter den Beteiligten oder auch innerhalb der Gesamtgesellschaft, wenn die für die Umsetzung erforderlichen Ressourcen nur bedingt verfügbar sind. Neben finanziellen Möglichkeiten sind hier auch personelle und infrastrukturelle Verfügbarkeiten gemeint. Immer dann, wenn diese Diskussion droht, in eine Schieflage zu geraten, entstehen Risiken für unterschiedliche Gruppen und Beteiligte. Im Ergebnis steigt das Risiko, dass vornehmlich ökonomische Erwägungen die Prozesse bestimmen. 

Anzeichen dafür gibt es an vielen Stellen. Die finanziell begrenzte Vergütung in der vertragsärztlichen Versorgung bedingt eine Verteilung der verfügbaren Honorare innerhalb der Ärzteschaft, die einer dauerhaften Mangelverwaltung gleichkommt. Hier ist eine patientenzentrierte Sichtweise kaum spürbar. In der Versorgung mit Labordiagnostik wird, analog zu anderen Fachbereichen, nach Kassenlage gekürzt und quotiert. Dies ist aus der Sicht der handelnden Fach- und Hausärzte grundsätzlich nachvollziehbar, nicht jedoch aus dem Blickwinkel einer patientenzentrierten Orientierung, müssten hier doch medizinische Aspekte und Versorgungsfragen im Vordergrund stehen.

Auch im stationären Bereich sehen wir die Entwicklung hin zu einer gewissen Dominanz betriebswirtschaftlicher Fragestellungen. Woher kommt das? Möglicherweise spielt das eigene Bild vom Arztsein und der Rolle und Funktion des Arztes in der Gesellschaft und für eine bestmögliche medizinische Versorgung eine bedeutende Rolle und in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob und in welcher Weise sich das Selbstverständnis der Ärzteschaft in den zurückliegenden Jahren verändert hat. 

Unverkennbar ist, im ambulanten wie im stationären Bereich, die Entwicklung einer sich eher verstärkenden Trennung zwischen ökonomischer und medizinischer Verantwortung für die Versorgung. Diese dokumentiert sich auch dadurch, dass zunehmend Verantwortliche ohne eine medizinisch-ärztliche Ausbildung die Finanzierungs-Steuerräder in der Hand haben. Haben wir Ärztinnen und Ärzte, aus welcher Motivation heraus auch immer, hier vielleicht einen wichtigen Teil unserer Gesamtverantwortung zu stark aus der Hand gegeben?

Arztsein beinhaltet, dem einzelnen Patientenwohl verpflichtet zu sein und zugleich auch eine Ausrichtung des Handelns an den Gemeinwohlinteressen. Dies bedeutet den verantwortlichen Einsatz der gegebenen Ressourcen für jeden einzelnen Menschen, der ärztlicher Zuwendung bedarf mit Blick auf die Gesamtheit. Im Interessenausgleich zwischen den handelnden Akteuren, zu denen Ärztinnen und Ärzte als zentrale Partner gehören, wäre eine stärkere Patientenzentriertheit von Diskussionen und Entscheidungen wünschenswert. Das Labor hat sich hier über die nunmehr fast fünfjährige erfolgreiche Arbeit an und mit der Etablierung von diagnostischen Pfaden, die primär patientenzentriert ausgerichtet sind, an der Diskussion aktiv beteiligt und wird sie auch in Zukunft fortsetzen.